Ein Wohnen

Georgia Creimer 2010 (Text der Wettbewerbspräsentation)

Ein Wohnen geschieht, wenn der Mensch selbst zur Unterkunft des Seins wird.

Dieser Satz nimmt Bezug auf eine wissenschaftliche Interpretation des Vortrags „Bauen Wohnen Denken“ des Philosophen Martin Heidegger. Der Vortrag im Rahmen des „Darmstädter Gesprächs II“ über „Mensch und Raum“ wurde im Jahr 1951 gehalten.

Der Wissenschaftler und Heidegger-Experte Dr. Burkhard Biella schreibt in seiner Interpretation dieses Vortrags:

„... Im Vorgriff auf das von Heidegger behauptete Zusammengehören von Sein und Mensch könnte der Charakter solchen Wohnens darin bestehen, dass der Mensch selbst zur Unterkunft des Seins wird, sodass ,ein Wohnen geschieht‘...“

Insofern bekräftige ich mit dem Satz „Ein Wohnen geschieht, wenn der Mensch selbst zur Unterkunft des Seins wird“ Biellas Interpretation über das „Wohnen“ bei Heidegger. Ich verändere aber seine Formulierung und mache daraus eine affirmative Aussage.


Mauer Wörter Raum

Die Arbeit Ein Wohnen ist ein Objekt. Die Mauer aus Beton trägt in ihrer eigenen Materialität ein Geheimnis:

Ein Wohnen geschieht, wenn der Mensch selbst zur Unterkunft des Seins wird.

Man kann sich fragen, was wird hier mit „ein Wohnen geschieht“ zu verstehen gegeben? Und was passiert, wenn dieses Wohnen geschieht?

Die großen Abstände zwischen den Wörtern erlauben ihnen, eigenständig in ihrer Bedeutung zu wirken, unabhängig vom Satzzusammenhang. Sie wirken wie abgekoppelt vom Rest des Satzes. Das Lesen des Satzes wird dadurch verlangsamt, es entsteht Raum und Zeit zwischen jedem Wort.

So wie der einen Gegenstand umgebende Raum die Möglichkeit schafft, den Gegenstand besser zu erkennen, ermöglicht das durch den großen Wortabstand entstandene Innehalten beim Lesen des Satzes, über Ursprung und Bedeutung des einzelnen Wortes nachzudenken.

Die Mauer ist Schutz, Teilung, Besitzbegrenzung und in allen diesen Eigenschaften immer auch eine Blockade. Durch den Satz, welcher in der Mauer selbst sozusagen „entsteht“, weicht die Blockade auf und lässt Raum, sowohl für die Wörter wie auch für die Gedanken. Gedanken über das Wohnen.