Geliehene Landschaft

Georgia Creimer 2008

Ich habe für das Projekt Geliehene Landschaft einen Ort in Brasilien ausgesucht, der sich mit Lunz am See in einigen Aspekten vergleichen lässt. Es ist eine kleine Stadt in Brasilien, die in den Bergen liegt und so wie Lunz einen sehr starken Naturbezug hat, speziell zu Wasser und Bergen. Diesen Ort, Lençóis in Bahia, habe ich fotografiert, inspiriert durch meine Erinnerung an Lunz am See. Entstanden sind Bestandsaufnahmen von Landschaften, ... 

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Ö1-Interview "Kunst kommt ins Dorf"    

Natascha Konopitzky interviewt Georgia Creimer für "Ganz Ich" in Ö1, am 26.8.2008, Redaktion Bernhard Fellner.

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Fenster in eine andere Welt

Ruth Horak 2008

Für die meisten von uns gibt es zwei Zuhause: Zuerst das der Kindheit – der Platz in der Familie, das Haus der Eltern, die frühen Erinnerungen an ein immer selbständiger werdendes Ich. Die zweite Heimat ist das jeweils aktuelle Zuhause des Erwachsenenlebens, ein Ort des Rückzuges und der Geborgenheit, ein Stützpunkt, von dem alles ausgeht und an dem alles zusammenläuft. Beide stehen in einer so engen Beziehung zum Ich, dass es nur wenige Menschen gibt, mit denen man diese Verbundenheit teilt.

Thema des Festivals Wellenklänge war 2008 die „Heimreise“. Die Wahl des diesjährigen artist in residence hätte nicht besser sein können mit jemandem, für den das „Heimreisen“ und die damit verbundenen Fragestellungen wie jene nach dem „zu Hause“ und dem „Reisen“ immer Relevanz haben. Die gebürtige Brasilianerin Georgia Creimer lebt seit 22 Jahren in Wien und hat damit heuer genau eine Hälfte ihres Lebens in Brasilien, die andere in Österreich verbracht. Auf Fragen wie „Wo ist für dich Heimat?“ oder „Wohin führt dich die Heimreise?“ ist ihre naheliegende Antwort, dass die Heimreise in beide Richtungen stattfindet – nach Hause, nach Brasilien, wo die Verwandten leben, genauso wie nach Hause, nach Wien, wo sie ihren Lebensmittelpunkt hat.

Mit ihrem Projekt „Geliehene Landschaft“ hat Georgia Creimer die „Heimreise“ sehr unmittelbar interpretiert. Sie hat 28 Fotos der kleinen Stadt Lençóis in Brasilien nach Lunz am See gebracht und dort in Form von geschickt platzierten Schildern in einen Dialog mit der österreichischen Ortschaft gesetzt – wir sehen Gebäude oder eine Baustelle, die umliegende Landschaft, den See, die Vegetation oder die Bänke, die zum Verweilen in diesen Landschaften bereitstehen. Die Fotos sind so gewählt und aufgestellt, dass die Bilder aus Lençóis möglichst direkt mit ihrem neuen Hintergrund korrespondieren. Die Parallelen zwischen den zwei so weit von einander entfernt liegenden Orten lassen Staunen aufkommen. Oft meint man, man müsse nur den Blick etwas schwenken, um das Abbild in der Realität zu finden. Sie funktionieren auch wie Hinweisschilder, nur eben in Form von Fotografien anstelle von Worten oder Piktogrammen.

Lunz und Lençóis – die beiden kleinen Orte mit der ähnlichen Infrastruktur und der ähnlich naturverbundenen Lage – zeichnet außerdem eine phonetische und eine inhaltliche Namensähnlichkeit aus. „Lençóis“, auf portugiesisch „Bettlaken“, wurde zum Namen des Ortes, weil sich die ersten Diamantsucher aus weißen Laken behelfsmäßige Unterkünfte bauten. Der Name „Lunz“ soll nach einer weniger bekannten Überlieferung mit dem Verb “lunzen” für „sich ausruhen“ und „niederlegen“ zu tun haben.

Georgia Creimers Schilder funktionieren wie Fenster in eine andere Welt, wir überwinden für einen Augenblick die Entfernung und beamen uns weg, um im nächsten Moment wieder unsere Körper in Lunz zu spüren. In dem Film „Fenster nach Paris“ (1993), einer französisch-russischen Kooperation wird ähnliches unvorhergesehen ganz konkret. Die Bewohner eines Wohnhauses in St. Petersburg entdecken, dass ein Fenster in ihrem Haus einen ungewöhnlichen Zauber auslöst: Denn wenn man durch dieses Fenster steigt, befindet man sich mit einem Mal über den Dächern von Paris! „Da dieser Fehler im Raum-Zeit-Kontinuum nur von begrenzter Dauer ist, beeilen sich die “Reisenden”, einen regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch mit ihren neuen “Nachbarn” zu beginnen.“1 Leider können wir die Bilder von Lençóis nicht so einfach betreten … und weil es eben nicht geht, werden wir daran erinnert, dass wir in einer von Medien geprägten Welt leben. Romane, Fernsehen, Filme, das Internet ziehen unsere Gedanken mit sich, während unsere Körper in Ruhe bleiben. Das Medium ist eben doch nur Vermittler von etwas, das allerdings um viele Dimensionen reduziert ist.

Auch die Fotografie übersetzt einen Raum in eine Fläche – entzieht ihm alles, was nicht den Augensinn betrifft: Wir spüren nicht die Hitze, die es wahrscheinlich gerade in Lencois hat, hören nicht die Sprache, nicht die Fahrzeuge, riechen nicht den Staub usw. „Ein Foto sieht vielleicht realistisch aus, aber es fühlt sich nicht echt an. Was wir wirklich wahrnehmen unterscheidet sich gehörig von dem, was eine Fotografie wiedergibt.“ (Julian Opie)

In Lunz stehend spürt man natürlich den realen dreidimensionalen Raum, die ortsspezifische Witterung, die Kinderstimmen, die Geräusche und Gerüche, während man auf die verkleinerten zweidimensionalen Ausschnitte schaut. Wieder anders ist es bei den Installationsaufnahmen, weil sich bei der Dokumentation die zwei Ebenen wieder ganz aneinander angleichen. Hier im Katalog sind es wieder zwei Bilder, von denen das eine das importierte, das frühere und kleinere ist, und zum Bild im Bild wird. Wenn man sich an dieser Stelle wieder an die Situation vor Ort erinnert, bemerkt man jedoch, dass die Schilder bereits so platziert waren, dass sie den realen Raum bereits zum Bild vorgeformt haben.

Markus Brüderlin hat in einem anderen Zusammenhang über Arbeiten von Georgia Creimer geschrieben: „Grenzgänger zwischen Fläche und Raum“. Dieses Interesse scheint kontinuierlich auf. Zum Beispiel in der Serie „Linse“, die sie seit 1999 verfolgt: Ein kreisförmiger, konkaver Spiegel wird an verschiedensten Orten platziert, und anschließend so fotografiert, dass eine Addition zwischen den Orten und den Spiegelbildern stattfindet bzw., anders gedacht, eine Substraktion, dass etwas aus dem Bild herausgeschnitten und etwas anderes eingefügt wird … in beiden Fällen findet wieder eine Verschmelzung zweier unterschiedlicher Orte statt. Ein anderes Mal hat Georgia Creimer Zeichnungen des österreichischen Malers Thomas Ender verwendet – Ender hatte an der ersten österreichischen Brasilien-Expedition 1817 als Zeichner teilgenommen, zu einer Zeit also, als die Fotografie noch nicht erfunden war. Heute sind die Möglichkeiten ganz andere – für Lunz konnten 500 Aufnahmen in Lençóis gemacht werden.

Bei dem Film „Fenster nach Paris“ weiß niemand, wie lange diese wunderbare Kraft des Fensters währt – es schwingt immer die Angst mit, dass es auch wieder vorbei ist – und so sind auch Georgia Creimers Fenster nur temporäre Fenster, nur „geliehene Landschaften“, die nach Verstreichen der Leihfrist (zumindest im übertragenen Sinn) wieder zurückgegeben werden, aber bis dahin kleine magische Kurzreisen in eine andere Welt bieten.


Ruth Horak, aus „Fenster in eine andere Welt“ , Katalog Georgia Creimer “Geliehne Landschaft”, 2008


1 http://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/